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„Wirtschaft-Technik-Haushalt/Soziales“ und die Coronakrise – Gedanken zur Fachentwicklung und Lehrer*innenbildung

Rolf Koerber                                                                                                                                

„Wirtschaft-Technik-Haushalt/Soziales“ und die Coronakrise – Gedanken zur Fachentwicklung und Lehrer*innenbildung (28.04.2020)

Egon Friedell hat in seiner Kulturgeschichte der Neuzeit darauf hingewiesen, dass die Geschichte ein Roman sei, den die Zeitgenossen nur als willkürlich abgeteilte Fortsetzungen empfingen. Insofern lassen sich die künftigen Wirkungen der Krise noch nicht absehen.

Es ist aber Aufgabe eines universitär verankerten Fachs, über Implikationen nachzudenken, möglich Folgen zu antizipieren und Schlussfolgerungen für das Fach, seine Didaktik und die Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern zu ziehen.

Das Fach in Sachsen

Das Fach „Wirtschaft-Technik-Haushalt/Soziales (WTH)“ wurde im Zuge der Lehrplanreform im Schuljahr 2004/05 in Sachsen für die damalige Mittelschule, heute Oberschule, eingeführt. Das Fach sieht sich in der Tradition der integrierten Arbeitslehre, hat aber im Vergleich zu ähnlichen Fächern in anderen Bundesländern einen zusätzlichen Haushaltsbezug. Dieser hebt seine lebenspraktische Komponente hervor, die so neben die Arbeitsorientierung tritt. Der WTH-Unterricht in Sachsen ist mehrperspektivisch angelegt und ergänzt die Berufsorientierung um praktisch-lebensweltliche Aspekte wie die Lebensmittelzubereitung und Vorratshaltung oder Einnahme-/Ausgabenrechnung im Privathaushalt. 

Seit 2012 werden an der TU Dresden Lehrer_innen für das Fach an Mittel-/Oberschulen ausgebildet. Die Fachausbildung wurde dem Institut für berufliche Didaktiken übertragen und zunächst von den Lehrstühlen der beruflichen Fachrichtungen Lebensmittel-Ernährung-Hauswirtschaft und Metall- und Maschinentechnik betreut. Dadurch und durch seinen propädeutisch-berufsbezogenen Ansatz hat die Fachdidaktik WTH eine enge Beziehung zur beruflichen Didaktik. Typischerweise hat ein lebenspraktisch und arbeitsorientiertes Schulfach eine Didaktik, die stark handlungsorientiert ist. Das kommt auch durch eine breite Werkstattausbildung sowohl an den Schulen als auch an den Universitäten zum Ausdruck (für das Lehramt an Förderschulen wird das Fach an der Universität Leipzig, für das Grundschullehramt an der TU Chemnitz gelehrt). 

Aktuell werden im Fach über 200 Studierende grundständig und weitere 80 in der berufsbegleitenden Qualifizierung ausgebildet.

Was zeichnet sich – bezogen auf unser Fach – im Rahmen der Pandemie momentan ab?

  • Veränderung der Arbeit: WTH ist nicht Arbeitslehre, aber der (beruflichen wie privaten) Arbeit kommt eine wichtige Stellung zu: Gerade weil in der Krise Haushalt und Arbeit zusammenwachsen (Stichwort: Homeoffice), müssen wir überlegen, welche Folgerungen sich daraus ergeben. Wer außer uns (und vielleicht noch Ethik) könnte darüber nachdenken? Wie steht es mit der Salutogenese? Wie mit der Gesundheitsvorsorge?
  • Relokalisierung statt Globalisierung: Aufgrund der Unterbrechung der Lieferketten und der Anfälligkeit globalisierter Warenströme, die nicht hinreichend diversifiziert sind, ist eine Relokalisierung von Wirtschaft zu erwarten: Dies betrifft sowohl die Weltwirtschaft, als auch den einzelnen (Privat-)Haushalt. Dabei zeigt die Krise auch die Bedeutung von Fähigkeiten einer nachhaltigen Haushaltsführung und der Notwendigkeit, Kulturtechniken, wie die Nahrungszubereitung, zu beherrschen.
  • Digitalisierung und Distanzierung des Lernens: Die Digitalisierung wird, gerade im pädagogischen Bereich, einen enormen Schub bekommen. Die Instrumente, die in den vergangenen Jahrzehnten entwickelt wurden, werden nun breit angewendet und es wird sich zeigen, welche Instrumente und Verfahren sich durchsetzen. Das ist eine technische Frage aber auch eine didaktische. Die Didaktik muss hier – gestützt auch wissenschaftliche Erkenntnisse und auch auf eigene Forschung – dazu beitragen, dass das Lernen durch Digitalisierung und physische Distanzierung nicht weniger nachhaltig und wirksam wird. Denn die Wissensgesellschaft wird ja nicht verdrängt, eher im Gegenteil.
  • Gesellschaftliche Teilhabe und Selbstverwirklichung: Was bedeuten die politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Veränderungen für unsere Schülerinnen und Schüler? Wie kann WTH dazu beitragen, gelingende Biographien zu unterstützen? Welche Kompetenzen werden unsere SuS in der Zukunft voraussichtlich benötigen, um ein selbstbestimmtes Leben in einer pluralistischen Gesellschaft nach und mit Pandemien führen zu können?

Was machen wir damit in der Professionalisierung künftiger Lehrkräfte (Studierende und sog. „Seiteneinsteiger“)?

  • Überlegen, welche Inhalte auf welche Weise gelehrt werden sollen: Direkte Umsetzung, wo möglich (und erforderlich), im Sinne eines „didaktischen Doppeldeckers“: Die Lehre an der Hochschule arbeitet didaktisch so, dass die Erfahrungen für die Studierenden auch in ihrer späteren Berufspraxis anwendbar sind.
  • Einbringen unserer aktuellen Erfahrungen in die anstehende Überarbeitung der Lehrpläne.
  • Forschungslücken identifizieren und ausfüllen: Forschungsthemen entwickeln, wiss. Begleitforschung anbieten, eigene Forschungen vorantreiben (u.a. Dissertationen), Forschungsprojekte akquirieren (Drittmittelanträge und –forschung vorbereiten).

Forschungsergebnisse (eigene, aber auch die aus unseren Teildomänen) in die Lehre einbringen, konkrete Anwendungsmöglichkeiten aufzeigen und erproben und so zur Professionalisierung des Berufsstands „Lehrer*in“ beitragen.

(Prof. Dr. Rolf Koerber verantwortet die Ausbildung von Lehrer*innen im Fach „Wirtschaft-Technik-Haushalt/Soziales“ an der TU Dresden)